Archiv der Kategorie: Weltverbesserung

Meat is Murder war gestern. Heute gilt: Meat is Weltuntergang!

Zwei Dinge vorweg: Ich bin der überzeugteste Vegetarier. Und: Die Tiere sind mir scheißegal.

Und dass, obwohl ich ja einst selber zum Vegetarier geworden bin, weil ich davon überzeugt war, dass Meat Murder ist. Das Problem: Die allermeisten Leute werden diese Überzeugung niemals teilen. Die allermeisten Leute haben einfach keinen Bock sich über das Wohlergehen von Tieren (ausgenommen ihrer Hunde) Gedanken zu machen. Geschweige denn sich davon den Appetit verderben zu lassen. Und ich kann ihnen das inzwischen nicht mehr so richtig verübeln.
Aber: Sie alle sollten dringend TROTZDEM kein Fleisch essen. Aus anderen Gründen. Aus wichtigeren Gründen!

Deshalb meine Forderung: Hört auf mit dem albernen Tierrechts-Gefasel. Die „Meat is Murder“-Kampagne hat bereits den Großteil ihrer Zielgruppe erreicht und überzeugt. Die anderen gefühlt 90 Prozent der Menschen sind vollkommen immun gegen Filme mit zitternden Rindern im Todeskampf. Als Vegetarier mit modernem Freundeskreis und Vergangenheit in politisch korrekten Subkulturen ist einem das oft gar nicht so bewusst: Es gibt tatsächlich Menschen, denen es völlig unmöglich ist, ihr Essverhalten in irgendeiner Form zu reflektieren. Fleisch ist Nahrung. Nahrung ist Fleisch. Und wenn es in der Kantine an Essensausgabe 3 was vegetarisches gibt, muss man da halt gar nicht erst schauen gehen.

Die überzeugten Fleisch-Esser verbindet ein grundlegendes Missverständnis. Sie glauben Fleisch-Verzicht ist so wie mit dem Rauchen aufhören (sinnlose Selbst-Geißelung). Oder so wie Müll-Trennen (im Prinzip sinvoll aber unwichtig). Oder im schlimmsten Falle so wie Yoga: Fleisch-Verzicht als Luxushobby einer verrückten Hippieelite, um sich wichtig zu machen. Und Schuld an diesem Missverständnis trägt vor allem die Marketing-Kampagne der Vegetarier, die die falschen Gründe für Vegetarismus in den Vordergrund rückt.

Hat die Welt größere Probleme als gequälte Tiere? Definitiv JA! Hat die Welt größere Probleme als Fleisch? Vielleicht auch Ja, aber erstens sind das nicht viele und zweitens ist keins der größeren Probleme so einfach zu lösen. Versuch mal aktiv etwas gegen den Nahost-Konflikt zu tun. Oder gegen soziale Ungerechtigkeit. Oder meinetwegen auch Finanzkrisen und Arbeitslosigkeit. Fleischkonsum steht auf der Dramatik-Skala auf der gleichen Stufe wie Umweltzerstörung. Ich glaube die wenigsten Menschen begreifen: Fleischkonsum IST Umweltzerstörung.

Hierzu möchte ich dringend empfehlen entweder den Fleischatlas 2014 (herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und dem BUND) oder die kürzeren Artikel Gute Landwirtschaft für alle? auf Zeit.de oder Wenn sich der Acker vom Acker macht auf Handelsblatt.com zu lesen.

Zusammengefasst: Der unglaublich riesige Fleischkonsum der Welt wird demnächst noch viel riesiger und ist aber jetzt schon verantwortlich für einige der größten Probleme der Menschheit: Globalisierte und industrialisierte Tierhaltung und Landwirtschaft zu Lasten kleiner Produzenten insbesondere in armen Ländern, Zerstörung von Wäldern und Böden für Futtermittel-Monokultur, Unterstützung des Klimawandels wegen schlechter CO2-Bilanz der Fleischproduktion. Und was passiert, wenn man eine Vogel-/Schweine-/Sonstwas-Grippe mal nicht in den Griff bekommen sollte, mal ich mir lieber gar nicht aus.

Und dann kommen die „Meat is Murder“-Vegetarier und wollen die Tiere retten. Die Tiere sind nicht zu retten! Jedenfalls nicht so lange der Großteil der Menschen Vegetarismus mit Tierrettung gleichsetzt, und Vegetarier mit Tierrechts-Spinnern. Vegetarismus muss assoziiert werden mit Umweltschutz. Oder besser: Menschenschutz. Oder noch besser: Weltrettung!

Und wie cool ist das: Jeder kann ganz einfach mitmachen bei der Weltrettung! Ihr müsstet nichtmal ganz auf Fleisch verzichten. Jeder nur noch am Wochenende und im Urlaub Fleisch und die Umwelt schlägt Purzelbäume. Ganz im ernst: Jeder nur noch ein Zehntel seiner heutigen Fleischmenge, und die Welt könnte erstmal aufatmen.

Ja, es wäre alles so einfach. Aber funktionieren tut es nur, wenn ihr endlich aufhört von den armen Tieren zu reden. Es geht nicht um die Tiere. Es geht um uns.

Lecker: Soja-Roulade mit Knödeln und Rotkohl
Lecker: Soja-Roulade mit Knödeln und Rotkohl (gibt’s bei Bodhi, Ligsalzstr. 23, München)

Armes München – Gentrifizierung und Entmietung kann Spaß machen

München kann ja vieles sehr gut. Zum Beispiel Museen bauen. Und Volksfeste feiern. Und vielleicht sogar generell alles was mit Geld zu tun hat und reichen und angepassten Leuten Spaß macht.

Manches kann München nicht so gut. Zum Beispiel moderne Ladenöffnungszeiten. Oder Kioskkultur. Das ist nicht so schlimm, daran kann man sich gewöhnen. Woran ich mich aber ganz und gar nicht gewöhnen kann: München versagt meist völlig dabei, die Stadt auch für Leute lebenswert zu erhalten, die nicht in das Muster „reich und angepasst“ hineinpassen. Was ja sehr schade ist, wenn man bedenkt, dass dies ja eigentlich für die meisten Menschen gilt. Selbst in München.

Diese – nennen wir sie mal – Durchschnitts-Bürger müssen sich zur Zeit – und ich spreche da aus eigener Erfahrung – auf den Kopf stellen, um eine bezahlbare und trotzdem einigermaßen nette Wohnung in Zentrumsnähe zu bekommen. Und werden damit zum Teil des Problems, denn wir frisch Zugereisten akzeptieren ja diese hohen Mietpreise. Wenn wir es nicht tun, dann tut es halt jemand anderes. Die Verhandlungsposition ist halt denkbar ungünstig, wenn man einer von ca. 30 potentiell geeigneten Miet-Interessenten (oder besser: Miet-Bewerbern) ist. Das begreift man spätestens wenn man die fünfte Absage für eine Wohnung bekommen hat. So steigt der Grad der Selbsterniedrigung in Form von Makler-Schleimereien und schwülstigen Mietbewerbungen mindestens so rasant wie die Mietpreise. Und wenn ICH mich schon hilflos fühle gegen diese Übermacht aus Maklern, Vermietern und Immobiliengesellschaften, dann möchte ich nicht wissen, wie sich eine Rentnerin fühlt. Oder eine alleinerziehende Mutter. Oder allgemein jemand mit einem Unter-Durchschnittsjob, der auf die wahnwitzige Idee kommt, trotzdem in der Stadt wohnen zu wollen.

Solche Leute (genau wie ich) würden wer weiß was dafür geben, wenn Sie eine Wohnung hätten, wie sie in dem Haus in der Pilotystraße Nummer 8 zu finden ist. Und das gleich mehrfach. Und jede von ihnen steht schon seit Jahren leer: Riesige Altbaupaläste in traumhafter Lage. Natürlich arg renovierungsbedürftig nach Jahren des Leerstandes. Warum in ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals mehr jemand wohnen wird, und warum wir normalen Leute allgemein von der Stadt München eher wenig Hilfe bei der Wohnungssuche erwarten können, macht die Aktionsgruppe Goldgrund am Sonntag nachmittag sehr eindringlich bewusst. Kurzerhand wird eine für das Atomic Cafe angekündigte Kunstaktion in die Pilotystraße verlegt. Selbst Bayrischer Rundfunk (Beitrag hier) und Süddeutsche berichten darüber (weshalb ich mir jetzt Details spare), was wohl auch wesentlich an der hohen Prominentendichte lag. Außer Jochen Busse und Sabine Nallinger (die ein paar brauchbare Ideen zum Thema zu haben scheint) habe ich natürlich niemanden erkannt, aber ich habe im Nachgang gelesen, dass auch Mehmet Scholl, die Hälfte der Sportfreunde Stiller und ein Typ namens Gerhard Polt (ja, ich habe noch Nachholbedarf was Münchner Kultur betrifft) anwesend waren. So wuseln dann einige Hundert freundliche Menschen durch die Stockwerke von Haus und Hinterhaus, und lassen sich von Musik-Performances und Kabarett, die Laune aufbessern, die ihnen zwischendurch von den diversen Informationsständen zu Gentrifizierung und Entmietung immer wieder versaut wird. Die Stimmung ist deshalb trotz des ernsten Themas super – ungefähr genauso freundlich und entspannt wie sie im Atomic Cafe, München 72, Ruby Bar, Cafe Gap und (vermutlich auch) der Fraunhofer Schoppenstube immer war. Leider sind freundliche und entspannte Orte offensichtlich die ersten Opfer der Gentrifizierung. Es ist ein Jammer, dass die Stadt München den Wert dieser Orte so wenig schätzt.

Ich erwarte, dass eine Stadtregierung sich nicht selbst wie ein Immobilienhai verhält, sondern dass sie sich schützend zwischen ihre Bürger und die Haie stellt. Ich will keine Ausreden hören, wie sie zum Beispiel in der Stellungnahme zur Petition gegen den Luxusneubau in der Franhoferstraße zu lesen sind. Es ist erbärmlich, wenn eine Stadt so tut, als sei sie hilflos gegen ihre eigene Verschandelung. Wenn sie wirklich aktuell keine Handhabe hat, dann muss sie diese halt schaffen. Oder zumindest das Gefühl vermitteln, dass sie auf der Seite ihrer Durchschnitts-Bürger steht. Manchmal habe ich eher das Gefühl, der Durchschnitt ist ihr nicht gut genug. Armes München.

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Wer hasst den Hipster?

Alleine im März las ich ganze fünf Artikel über ihn in den einschlägigen Onlinemedien, und so langsam frage ich mich: Wer ist eigentlich dieser Herr Hipster, von dem alle reden?

Herr H. scheint ziemlich viele Menschen zu verärgern… erstaunlicherweise meist alleine durch reine Äußerlichkeiten (FAZ.net, 4.3.2013). Komischerweise scheint Herr H. selbst nicht so großes Mitteilungsbedürfnis zu haben. Jedenfalls kenne ich keinen Artikel, in dem er mal seine eigene Sicht der Dinge erläutert. Er wehrt sich nicht mal gegen all die Beschimpfungen, die da über ihn geschrieben werden. Deshalb eignet er sich prima als Sündenbock für alle Probleme, die unsere Gesellschaft so hat. Gentrifizierung zum Beispiel, und… ja was denn eigentlich noch?

Was macht Herr H. bloß falsch? Ihm wird ja wirklich alles, was er macht, übel genommen. Dabei bemüht er sich doch so, ein guter Mensch zu sein: Er kauft gerne im Bio-Laden, trinkt Fairtrade-Kaffee, fährt gerne Fahrrad (gerne auch ohne Gangschaltung), ernährt sich öfters mal vegetarisch, nutzt Car-Sharing, interessiert sich für Kultur, kauft sich eine Analogkamera und hat Spaß daran, damit ein bisschen kreativ zu sein. Natürlich ist er nebenbei ein bisschen selbstverliebt und lässt sich beim Konsum von Gleichgesinnten inspirieren, aber tut das der Rest der Gesellschaft nicht auch? Ich denke da z.B. an meinen Kollegen Herrn Normalski. Wenn ich in obiger Beschreibung einfach ein paar Wörter ersetze, dann hab ich Herrn Normalski ganz gut umrissen: Ich ersetze einfach Bio-Laden durch Discounter, Fairtrade durch Billig, Fahrrad durch Auto, „ohne Gangschaltung“ durch „mit viel PS“, vegetarisch durch … äh … unreflektiert, Car-Sharing durch Doppelgarage, Kultur durch Fernsehprogramm, gebrauchte Analogkamera durch Kaffeevollautomat und „kreativ sein“ durch „auf dicke Hose machen“.

Ehrlich gesagt, ist mir persönlich alles, was ich von Herrn H. so höre, wesentlich sympathischer als das, was ich von Herrn Normalski weiß. Könnte es vielleicht sein, dass Herr H. einfach ein ziemlich moderner Typ ist? Und ich meine modern nicht im Sinne von „Wie der Mensch halt ist“, sondern eher von „Wie der Mensch sein sollte“. Oh, eine ganz wüste Theorie schießt mir durch den Kopf: Ist er vielleicht sogar der Typ Mensch, der am besten an die sich ändernden Anforderungen einer modernen Gesellschaft angepasst ist? Klar wird Herr H. die Welt nicht retten, aber zumindest bemüht er sich in vielen Bereichen, sie nicht kaputter zu machen als es Herr Normalski tut, der sich zum Beispiel ein bisschen schwer tut mit neumodischem Kram wie Gleichstellung Homosexueller, Feminismus oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Natürlich ist Herr H. mit Weltverbesserung nicht ganz so kompromislos beschäftigt wie sein Nachbar, der etwas schrullige Herr Öko, aber dafür hat Herr H. auch etwas, worauf Herr Normalski und Herr Öko ganz schön neidisch sind: Ziemlich viel Spaß am Leben.
Und vielleicht kommt ja daher der Hass gegen Herrn H. Vielleicht führt er einfach Menschen wie Herrn Normalski ihr eigenes gesellschaftliches Überholtsein vor Augen. Vielleicht ärgert sich dieser deshalb so sehr, weil Herr H. einfach gänzlich unbeeindruckt ist von Vorort-Häuschen, Doppelgarage und dicker Hose. Oder weil er sich für schöne Dinge wie Kunst und Mode interessieren darf, ohne dass seine Freunde seine Männlichkeit in Frage stellen. Vielleicht ärgert sich Herr Normalski auch einfach nur, dass sein Aldi-Kaffee trotz sündhaft teurem Vollautomaten nicht mit dem Bio-Kaffee aus dem 10 Euro Espressokocher mithalten kann.

Natürlich ist Herr H. nicht der einzige moderne Mensch, aber er ist halt der einzige, den Herr Normalski auf den ersten Blick erkennen kann. Zum Beispiel an seiner Retro-Kamera, die er immer (!) bei sich trägt, aber nie benutzt… Sueddeutsche.de, 26.3.2013. Ähm ja. Genau.

Neben Herrn Normalski gibt’s aber tatsächlich noch jemanden, der ein Riesenproblem mit Herrn H. hat, nämlich Herr Tellerrand. Der ist zwar nicht modern, geschweige denn cool, gefällt sich aber bislang ganz prima in seinem Szene-Mikrokosmos (Was war es noch gleich? Indie? Darkwave? Fußball??), und versucht mit Händen und Füßen ihn vor Herrn H. zu verteidigen. Erstaunlicherweise scheint dieser nämlich die Kraft zu besitzen eine Szene nur durch seine bloße Anwesenheit kaputtmachen zu können… Beeindruckend! Vielleicht sollte man ihn mal bei irgendwelchen Nazis vorbeischicken. Ach Moment mal, da war er ja sogar schon: Neulich hat er sich z.B. in der Ultra-Szene von Alemannia Aachen herumgetrieben. Aber anstatt dass sich die Leute freuen, dass sich ein smarter Herr H. unter die dümmliche alteingesessene Fangemeinschaft mischt und sich traut Dinge zu sagen wie „Nazis im Stadion sind doof“, zucken alle nur mit den Schultern oder hauen Herrn H. auf die Nase, und Herr Tellerrand schreibt sogar dass wir den Fußball retten müssen vor Herrn H. (Zeit.de, 20.03.2013). Irgendwie traurig.

Erfreulicherweise gab’s diesen Monat in den Onlinemedien auch ein paar nette Worte über Herrn H. Leider sind diese in Artikeln wie Ironiker, der Lenz ist da (Zeit.de, 27.3.2013) oder Der Hipster ist tot … (Sueddeutsche.de, 26.3.2013) aber so unheimlich gut recherchiert, analysiert und intellektuell aufbereitet, dass sie niemand lesen oder verstehen wird.

Deshalb nochmal ganz deutlich: Ich mag diesen Herrn Hipster.